„59. Biennale die Venezia“ 7

HARVEST

Die documenta fifteen in Kassel vertraute sich, zum erste Mal in ihrer Geschichte, dem globalen Süden an. So wurde bekannt, wie sich mit kollektiver Kreativität anders leben lässt, als im heute übermächtigen Kapitalismus. Die 59. Biennale di Venezia schuf der weiblichen Kreativität eine große Bühne und rückte die in männlichen Hierarchien ruhiggestellte Frauen- und LGBTQ-Power in den Mittelpunkt.

Manches in dieser Richtung hatte ich erwartet. Vor Ort war ich dennoch überrascht von der Vielfalt der Ideen, den über Jahrmillionen in einer hauchdünnen Hülle um die Erde entstandenen Lebensraum zu erhalten. Überrascht auch von der Entschlossenheit, es zu versuchen.

Hinzu kam die Entdeckung, dass Kollektivität und Weiblichkeit sich auf derselben Seite der Kreativität befinden und nahe beieinander im Bemühen um eine lebenswerte Zukunft. So ist Ernte auch für ein Fazit zur 59. Biennale di Venezia der passende Begriff.

Offen bleibt, ob Kollektivität und Weiblichkeit sich in den destruktiven Potentialen, die aus konkurrierendem Wachstum entstehen, behaupten können. Klarer geworden ist mir in Kassel und in Venedig, dass die Möglichkeit wahrscheinlich solange existieren wird, solange wir  existieren. Vielleicht wachsen sie sogar proportional zu unseren Notlagen.

Vom dänischen Pavillon, in dem Uffe Isolotto mit „We walked the Earth“ eine Zukunftsvision inszenierte, habe ich schon erzählt. „In seiner Geschichte ist die Verwandlung von Menschen in Zentauren nicht das Ergebnis einer wachsenden Distanz zur Natur, sondern eine notwendige Anpassung des Organismus an einen ökologischen Ausnahmezustand, der die Existenz des Menschen wieder in existenziellen Stress versetzt“, schreibt der Kunstkritiker Stian Gabrielsen.

Aber wieso „wieder“? Weil in der Natur ruhige Fahrwasser und (ökologische) Gleichgewichte rasch vorübergehend sind? Oder gar nur eingebildet? Nur in Gedanken angehaltene Abläufe, die sich tatsächlich gar nicht anhalten lassen? Nur Momentaufnahmen? Vor Jahrzehnten habe ich in der Schule gelernt, dass es in der Welt keine Fixpunkte gibt. Keinen einzigen! Ist das die menschliche Tragödie, weil wir uns selbst als Mittelpunkt der Welt empfinden müssen und das inzwischen acht Milliarden mal?

In der Ausstellung bekam ich ein schmales Heft mit einer Shortstory von Jacob Lillemose (1974), Kurator des dänischen Länderbeitrags, in die Hände. Das Besondere an der Geschichte, die er „And Now We Are Water“ nennt, ist, dass ich die Inszenierung von Uffe Isolotto erst dadurch als Momentaufnahme verstehen kann.

„Überall ist Wasser. Überall, wo wir jemals waren und wo wir jetzt sind. Wasser ist unser Leben. Wir sind geschaffen, um im Wasser zu leben, und wir sind aus Wasser. Nicht aus dem Wasser, das uns umgibt. Das Wasser, aus dem wir sind, ist so beschaffen, dass wir uns verändern können. In einem Moment können wir weich sein, im nächsten fest und hart, in einem eiskalt, im nächsten kochend heiß, spiralig oder kugelig, farbig im Licht und farblos und durchsichtig im Dunkel. Die Möglichkeiten unseres Wassers sind endlos. Die einzigen Grenzen sind unsere Vorstellungskraft.“

So fängt Jacob Lillemose’s Geschichte an. „Und jetzt sind wir Wasser“ beginnt mit einer Täuschung, denn auf wen, wenn nicht auf mich soll ich das „wir“ beziehen, das als sechstes Wort zum ersten Mal im Text erscheint. Auftaucht! Bis ich, mehrfach irritiert, bemerke, dass dieses „wir“ einer Spezies in sehr ferner Zukunft zugehört. Im schlammigen Grund eines Gewässers entdeckt sie eigenartige Formen, die einmal Lebewesen waren. Sie zieht sie aus dem Schlamm „hinauf ins Licht“ und mehr als das, viel mehr.

Da der Autor nur geometrische Begriffe verwendet, brauche ich viel Fantasie, um in den eigenartigen Formen Uffe Isolotto‘s Zentauren zu erkennen und dessen Zukunftsvision als Vorgeschichte zu der Spezies in Jacob Lillemose’s Shortstory. Sie endet damit, dass das sehr ferne „wir“ – offenbar in ähnlich existenzieller Not wie wir heute – die leblosen Formen übernimmt und eine neue Lebensweise auf dem Gewässergrund ausprobiert.

„Anstatt es loszulassen, ziehen wir dagegen, bis wir nicht mehr unterscheiden können, wer zieht. Es ist, als wären wir eins mit ihm. Wir fließen in es ein. Wir spüren jedes Detail. Wir füllen es vollständig aus. Das Ganze. Wir halten ganz still. Die sechs langen, schlanken Formen zeigen zum Licht. Wir fangen an, uns zu bewegen. Hin und her. Schnell und langsam, die sechs langen und die acht kurzen Formen, das Kugelförmige an einem Ende und das fadenförmig Wirre am anderen. Wir drehen uns, bis die offene Seite der großen länglichen Form und die langen schlanken Formen nach unten gerichtet sind. Wie Gliedmaßen. Es ist schwierig, nicht umzufallen. Sie knicken immer wieder ein. Dann schaffen wir es, eine Weile zu stehen und das Wasser zu spüren. Dann bewegen wir uns zitternd auf dem schlammigen Grund und zwischen Körperformen, die reglos aus ihm ragen.“

Das „Kugelförmige“ ist der Kopf des Zentauren, das „fadenförmig Wirre“ der Schwanz. Die „große längliche Form“ meint den Rumpf, die „langen schlanken Formen“ die Gliedmaßen.

„Die Wasserwesen gleichen den allgemeinen Pessimismus der Installation aus“, schreibt Stian Gabrielsen in einer Rezension. „Es ist eine Lebensform, die sich auf Geheiß ihrer Vorstellungskraft neu erfindet. Sie zeichnen ein Bild der Zeit nach dem Menschen aber auch losgelöst von der Vergangenheit“.

In seinem Buch „Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung“ wird der deutsche Schriftsteller und Historiker Philipp Blom im nächsten Jahr schreiben: „Das Narrativ der menschlichen Sonderstellung, des ewigen Wachstums, des Fortschritts, ist […] zur Grundlage von wissenschaftlichen Arbeiten und Ordnungssystemen, von wirtschaftlichen Theorien und industrieller Praxis geworden. Es ist so allgegenwärtig, dass es alternativlos scheint und unsichtbar, so wie der alten Geschichte nach Fische keine Ahnung haben, was Wasser ist. Dieses Wasser zu verlassen ist ein echter evolutionärer Sprung. Das Begreifen, was Wasser ist und dass wir alle darin schwimmen, ist zumindest ein erster Schritt.“

Ist das tröstlich? Im Hier und Jetzt tröstet die Lagunenstadt besser. Wie lange noch? Im Hin und Her ihrer Jahrhunderte langen Geschäftigkeit, im Anblick moderner Kreuzfahrtschiffe verstärken sich die Fragezeichen.

Leichtsinnig bin ich gewiss nicht angereist, doch mit Lust und Neugier. Wo sind sie hin in dieser Hastigkeit? In fast leeren Gassen, ganz nahe den mit Leibern vollgestopften, haben sie sich versteckt. Dort finde ich sie wieder: in einzelnen Gesichtern; im gedämpften Sound der Stadt und wenig später im herbstlichen Lagunenlicht, das mir Himmel und Wasser verzaubert, allein zum Vergnügen. Mir allein. „Venedigs Seele, die Seele, mit der die alten Künstler die schöne Stadt bekleideten, ist herbstlich“, schrieb Gabriele D’Annunzio, der italienische Dichter und Namensgeber für die Universität in Chieti.

Im Länderbeitrag des Kosovo hätte ich Vergnügen nicht erwartet, doch ausgerechnet ein Nachfahre vom Stamm der Dardanier bereitet es mir. Jakup Ferri (1981) lebt in Pristina und in Den Haag und hat mit Textilkunst und Gemälden „The Monumentality of the Everyday“ inszeniert. Bunt und pixelig hängen seine Bilder von der Decke bis zum Boden, der mit farbigen Teppichen ausgelegt ist. „Die harte Realität im Kosovo wie an vielen anderen Orten auf der Welt scheint für den Moment ausgesetzt, lädt gerade in der spielerischen Schwebe der Kompositionen aber ein, in deren Schutzraum alternative Wirklichkeiten und Zukünfte zu entwerfen“, lese ich im Begleitheft.

Vielleicht hat das Vergnügen den Dardaniern durch eine lückenlose Reihe von Annektionen und Unterwerfungen hindurch ihr Überleben gerettet? Vor über 2000 Jahren gründeten sie mitten im Balkan ein Königreich und brauchten nicht lange auf die Begehrlichkeiten von übermächtigen Nachbarn zu warten. Den Anfang machten die Römer. Es folgten Byzantiner, Bulgaren, Serben und Osmanen Nach den Balkankriegen 1912 und 1913 kam das Kosovo zu Serbien und Montenegro und als autonome Provinz zu Jugoslawien und nach einem Krieg 1998/99 unter UN-Verwaltung. Seit 2008 ist das Kosovo eine von 102 Staaten anerkannte souveräne Republik. Es ist kein Happyend, denn Serbiens Anerkennung lässt auf sich warten.

Die Teppiche, mit denen „Die Monumentalität des Alltäglichen“ ausgelegt ist, verdanken ihre Muster dem zwölfjährigen Sohn des Künstlers. „Sie basieren“, erzählt die Kuratorin Inke Arns, „auf dem Computerspiel ‚Animal Crossing‘, in dem die Spieler:innen ihre eigenen Avatare, deren Kleidung, Accessoires und Einrichtungsgegenstände, gestalten müssen“. Handwerkerinnen aus dem Kosovo und Albanien haben sie gewebt.

Jakup Ferri‘s Bilder zeigen kunterbunte Alltagsszenen, vergnügte Tiere und Menschen. Ironie und Doppeldeutigkeit kann ich nicht entdecken, nur Lebenslust und gute Absichten. Übersehe ich etwas? Nein! Aber wieso ist alles so gerade heraus, so unverbogen?

Fängt jedes Leben nicht so unverbogen an? Als reines Vorhandensein ganz ohne Wenn und Aber? So fragt Jakup Ferri „nach dem Zusammenspiel der Ränder und Zentren in einer Gemeinschaft – nicht nur zwischen Menschen und Kulturen, sondern zwischen allen Spezies, Tieren, Mikroorganismen oder sogar virtuellen Avataren“.

Und der Boden der Tatsachen, den wir nicht verlassen sollen? Was ist mit dem? Der Boden des Ausstellungsraumes ist doch verbogen? Ist er nicht, sondern gebogen! Auf beiden langen Seiten hochgebogen. Wieso? „Unsere eigentliche Idee ist ein U-Boot, das in vielen von Ferris Bildern in surrealen Situationen auftaucht“, erzählt die Kuratorin. „Da die historischen Wände im Arsenale höchst denkmalgeschützt sind, haben wir uns entschieden, einen Raum im Raum zu schaffen. Zunächst wollten wir das U-Boot als skulpturales Objekt in den 20 Meter langen schmalen Raum bauen. Aber die Oberfläche dieses Objektes hätte als Display für die ganzen Arbeiten nicht ausgereicht. Daher haben wir das U-Boot noch größer als den Pavillon skaliert, sodass man beim Betreten der Ausstellung mittendrin steht, im Inneren eines U-Bootes. Wir fahren sozusagen ganz gemütlich durch die Tiefsee- in Referenz auf die historische Schiffswerft der Arsenale, die immer noch Stützpunkt der italienischen Marine ist.“

Mir fällt dazu die „Nautilus“ ein, das U-Boot aus den Romanen „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“ und „Die geheimnisvolle Insel“ des Schriftstellers Jules Verne, die ich als Teenager mit Begeisterung verschlang.

Die „Nautilus“ steht unter dem Kommando des Kapitän Nemo, Sohn eines indischen Herrschers, der ihn als Zehnjährigen nach England schickt, um eine gute Erziehung zu erhalten und später gegen die Briten zu kämpfen, die sein Land unterdrücken. Diesem Plan folgt der junge Nemo zunächst nicht. Er lernt die westliche Wissenschaft und Kultur kennen und lieben und möchte sie mit seiner Heimat verbinden. Dafür entwirft er ein Schiff zur Erforschung der Unterwasserwelt. Wieder zu Hause jedoch, auf dem Boden der Tatsachen, entscheidet er sich um. Er zettelt einen Aufstand gegen die britischen Besatzer an. Als er blutig niedergeschlagen wird, wird aus dem Forschungsschiff ein Kampfschiff, auf dem Nemo mit treuen Gefährten die Meere durchquert und den Freiheitskampf unterdrückter Völker unterstützt.

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