„Rote Segelflotte“

Von einer „Neuseddiner Malfrau“ – so nennt sich eine Gruppe sogenannter Hobbymalerinnen – habe ich kürzlich das Pastellbild „Rote Segelflotte“ erworben. Es war Liebe auf den ersten Blick, doch erst seit es im kurzen Flur meines Leipziger Oberstübchens Platz gefunden hat und ich ihm täglich begegne, hat sich auch Bedenkliches den Weg hinein gebahnt.

Nicht besonders überrascht war ich von meiner Assoziation zur Kurzgeschichte „And Now We Are Water“ des dänischen Kunsthistorikers Jacob Lillemose. Er kuratierte auf der 59. Biennale di Venezia im Jahr 2022 den dänischen Länderbeitrag „We Walked The Earth“ und ergänzte mit seiner Geschichte die (mich) überwältigende Inszenierung seines Landsmanns Uffe Isolotte. (Mehr zu meinem Erlebnis schreibe in den Blogeinträgen „59. Biennale di Venezia 3“ und „59. Biennale di Venezia 7“, die in der Kategorie KUNSTWERKE aufbewahrt sind.)

Wenn ich das Bild betrachte, ist mir wieder so wie beim Übersetzen der Geschichte, die damals in Englisch und Französisch im dänischen Pavillon verteilt wurde. Dass die „Rote Segelflotte“ wie die Wassergeschichte im gleichen Jahr entstand, erschien mir zunächst ein Zufall, an den ich allerdings umso weniger glaube, je besser ich das Bild verstehe.

Absichtlicher als es den Anschein haben mag, ist das Bild akkurat halbiert. Die Wasserwellen in der unteren Hälfte sorgen für eine horizontale Schraffur, für eine vertikale im oberen Teil des Bildes die Segel. Optisch klarer getrennt voneinander können zwei Welten kaum sein. Es ist sogar überflüssig – über-flüssig! – eine Linie zu ziehen, die zwischen Schwarz und Schwarz ohnehin unsichtbar wäre.

Unsichtbar bliebe in der dunklen Vollkommenheit auch alles andere, wäre da nicht der helle Fleck, der wie ein Nebel wirkt. Mit ihm hellt die Künstlerin auf, was im Grund und Ursprung vorerst unklar bleibt. Er ist Metapher für ihre Inspiration und zugleich die reale Notwendigkeit, zu sehen, was geschieht. Was geschieht denn? Eine gemeinsame Bewegung in einem Wehen, ohne das es auch die Wellen nicht gäbe. Ein Wehen auf mich zu. Ein Luftzug, der eher sanft daherkommt, den unsichtbar Bewegten nützlich und mir nicht unheimlich.

Und sie? Was könnten sie auf mich hin wollen? Schutz suchen? Trost? Bleiben wollen? Oder mich abholen? Mitnehmen? Wohin? Oder mich besuchen und weiterziehen? Das liegt anscheinend ganz bei mir oder wird, so oder so, geschehen, ohne dass ich es im voraus wissen kann. Ich werde es nehmen müssen wie es kommt und wie jede Zukunft unabsehbar ist.

Erst dieser lichte Nebel färbt alle Segel, wellt das Wasser, führt Oben und Unten zusammen, schafft Raum und weitet ihn. Hin zu mir. Wenn ich will. Wenn ich mich bewegen will, weitergehe und vorüber. Als wäre nichts leichter als das. Als wäre alles klar, ganz und gar und einfach.

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