„documenta fifteen“ 3

FRIDERICIANUM

Noch bis zum Monatsende gilt deutschlandweit das 9-Euro-Ticket, ein auf ein Vierteljahr befristetes Sonderangebot im öffentlichen Personennahverkehr. In Pandemie-Zeiten als Entlastung für Vielfahrer gedacht, wird es am Ende 52 Millionen mal verkauft. Mit ihm pendele ich in den documenta-Tagen zwischen Kassel und dem 15 Kilometer entfernten Nachtquartier in Grifte.

In dem seit 1995 auch als Kulturbahnhof fungierenden Kasseler Hauptbahnhof präsentiert in den Räumen der Bahnhofsmission eine Gruppe von Freundinnen und Wegbegleitern des US-amerikanischen Konzeptkünstlers, Schriftstellers und Politaktivisten Jimmie Durham, der Ende 2021 verstorben ist, Objekte und Skulpturen des Künstlers. „A Stick in the Forest by the Side of the Road“ („Ein Stock im Wald am Straßenrand“) heißt das Projekt.

Im Mittelpunkt der Ausstellung erforscht ein Video ein wildes Biotop, das aus den Ruinen der Monokultur entsteht. In einem verlassenen Gewächshaus in Ligurien (Nordwestitalien) verwandelt die Kletterpflanze Clematis vitalba im Wassermangel und steigender Hitze eine Rosenzucht in einen trockenen unbeweglichen Dschungel und schafft ein Denkmal für ein verwildertes Ökosystem im Zustand allmählicher Erschöpfung, herbeigeführt aufgrund von lebensfeindlichen klimatischen Bedingungen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz bekommt die „Horizontale Zeitung“ des Rumänen Dan Perjovschi meine Aufmerksamkeit. Es sind Zeichnungen auf Asphalt mit Berichten zu Kultur, Politik, Gesellschaft und Sport, die in der Zeit der documenta fifteen immer wieder aktualisiert werden. Die Kasseler Ausgabe der Zeitung soll mit dem ‚Mutterblatt‘ in seiner Heimatstadt Sibiu verknüpfen, wo der Künstler ein Netzwerk sozialer und kultureller Institutionen initiiert hat, das sich „Visuelle Kunstplattform“ nennt. „Perjovschi verwendet in seinen Zeichnungen oft ein verfremdetes Englisch, das mit weiteren Sprachen vermischt wird.“ Damit gelingt es ihm, „herkömmliche Maßstäbe und Zusammenhänge durcheinander zu bringen“.

Am Friedrichsplatz im Zentrum nimmt der Rumäne diesen Faden wieder auf. Im Eingangsbereich des Fridericianum, erstes Kunsthaus am Platz, hat er die Säulen in „Kolumnen“ verwandelt, die lumbung mit hier vertrauten Begriffen wie „Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Regeneration, mit dem übergeordneten Wert Humor“ verknüpft.

Es ist eine Einstimmung auf das Wagnis im Innern des 1779 fertiggestellten altehrwürdigen Museumsbaus, Ständepalasts, Parlamentssaals nebst fürstlicher Bibliothek. Struktur und Absichten des Gebäudes werden nämlich umgehend außer Kraft gesetzt und mit kreativem Verstand vom Kopf auf die Füße gestellt. So werden Raum und Inhalt auf noch nie dagewesene Weise zugänglich. „Spätestens mit dieser documenta ist sein Nymbus als elitärer kunsttempel endgültig dahin“, hatte unser Guide im Hübner Areal schon vorgewarnt.

Gudskul nennen die drei indonesischen Kollektive ruangrupa, Serrum und Grafis Huru Hara die Räumlichkeit, in der geistige und kreative Ressourcen angelegt und weitergegeben werden. Bei seiner ‚Erfindung‘ 2018 in Jakarta war Gudskul zuerst ein Ort gemeinsamen ‚Abhängens‘. Heute ist er mit seinen Clustern „Freundschaften schließen“, „Von Freund:innen lernen“ und „Sich selbst organisieren“ Bestandteil im indonesischen Bildungswesen.

El Warcha, eine 2016 initiierte Gruppe von Designer:innen und Bewohner:innen der Medina von Tunis, greift Möglichkeiten auf, um das Fridericianum und seine Umgebung neuartig zu nutzen. Museumsraum verwandeln sie in eine lautstarke Werkstatt, in der sich jeder spielend an Projekten beteiligen und sie weiterentwickeln kann. Ein Ergebnis dieses Konzepts ist eine „Bibliothek der Objekte“, wo Prototypen, Fundstücke und Materialien aufbewahrt werden. Es will eine neu durchdachte Wiederaufnahme einer von der Menschheit jahrtausendelang praktizierten Weitergabe von Wissen durch gemeinschaftliches Tun sein.

Waza nennt sich ein 2010 gegründetes kongolesisches Kollektiv. Auf Suahili bedeutet ‚Waza‘ sich etwas vorstellen. Das Kollektiv entwickelt Ausstellungen, Publikationen und andere kulturelle Formate. In seinen Räumen im Kongo beherbergt es Gruppen und einzelne Akteure der bildenden Kunst, Musik, Literatur, des Comic und des Tanzes. Waza verfügt über eine Bibliothek, ein Tonstudio, ein Web-Radio und ein Zine-Labor (ein Synonym für ‚fanzine‘, eine von Fans für Fans hergestellte Zeitschrift). auf der documenta fifteen präsentiert sich das Kollektiv als Plattform für kuratorisches Wissen. Eine Untergruppe, die sich (abgeleitet von ‚Kurator‘) ‚Kirata‘ nennt, distanziert sich demonstrativ vom institutionalisierten internationalen Kunst- und Kulturmarkt, auf dem (wie in den USA, China, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland) Kunst vor allem verwertet wird.

Die seit 2014 bestehende OFF-Biennale Budapest ist eine Gruppe aus der ungarischen Kunstszene. Sie versucht, neuartige Arbeitsweisen im Kultursektor zu etablieren und lehnt staatliche Fördermittel ab. Im Fridericianum suchen die Akteur:innen Antworten auf die Frage, ob und wie sich ein transnationales Museum für Roma-Kunst gestalten lässt, wie also Bruchstücke einer unerzählten Vergangenheit und einer neu sich entfaltenden Gegenwart in einem „RomaMoMA“ gezeigt werden können.

Richard Bell, 1953 in Queensland, Australien, geboren, ist ein politischer Künstler und Aktivist für die Rechte der Aborigines. Er selbst bezeichnet sich als Propagandist. In der westlichen Kunstwelt ein ‚Enfant terrible‘ und ‚bad boy of Aboriginal art‘, sind im Fridericianum seine Protest- und Textgemälde zu sehen.

Auf das Dach des Fridericianum hat Richard Bell, anspielend auf das „Metronome“ am Union Square in New York, ein Zählwerk für die Schulden des australischen Staates gegenüber den Aborigines montieren lassen. Auf den zweiten Blick macht mir diese Darstellung klar, dass ein Mensch und Umwelt fortwährend zugefügter Schaden mit Geld niemals wieder gutgemacht werden kann. Vor dem Fridericianum untersetzt der Künstler diese Desillusion mit der Botschaft: „We want land, not handouts“. In einem Zelt erzählen Dokumentarfilme vom Widerstand der Aborigines seit den 1970er Jahren. Für Liveauftritte in Kassel hat der Künstler indigene Slam-Poetinnen, Rapper, Tänzerinnen, Filmemacher und bildende Künsterinnen aus Brisbane eingeladen.

Das britische Kollektiv Project Art Works, das auch im Stadtmuseum und im Hübner Areal präsent ist, verknüpft mit neurodiversen Künstlerinnen und ihren Betreuern Kunst und Fürsorge. Das umfasst direkte praktische und ganzheitliche Unterstützung von Veranstaltungen, Ausstellungen und Projekten. Im Fridericianum stellt eine sich permanent weiterentwickelnde Installation aus Gemälden und Zeichnungen die Atelierumgebung im heimatlichen Hastings nach.

Im Zwehrenturm des Museums ist zu sehen, wie sich die Roma-Künstlerin Selma Selman, geboren in einem Dorf in Bosnien, heute in Amsterdam lebend, mit Überlebensstrategien in ihrem Heimatdorf Ružica auseinandersetzt. Das beginnt mit der Materialität von Altmetall und Recycling und erstreckt sich über die Auseinandersetzung mit den Begriffen ‚Arbeit‘, ‚Inwertsetzung‘, ‚Ökonomie‘, ‚Rassismus‘ und ‚Nachhaltigkeit‘ bis zur Frage nach der Macht der Kunst. In Ružica hat ihr Vater durch die Umwandlung von Metallabfällen für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt.

Ihr mehrteiliges multimediales Werk „Platinum“ besteht aus einem skulpturalen Objekt und der Videodokumentation einer mehrwöchigen Performance, die die Künstlerin mit ihrer Familie und Freunden 2021 in Sarajewo in der Nationalgalerie vom Bosnien und Herzegowina durchführte. „In meinen Arbeiten schneide ich Stücke aus Fahrzeugen heraus, die zwischen dem Malerischen und dem Skulpturalen angesiedelt sind. Da ich seit meiner Kindheit eine sehr persönliche Beziehung zu Metall habe, verschmelzen die Schrottarbeiten Eindrücke des Alltags, der Kunstgeschichte, der Umgangssprache und des Metalls meine eigenen persönlichen Erfahrungen.”

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