Chapeau Morisot

Warum hat es so lange gedauert, bis ich mit meiner langen Begeisterung für den Impressionismus auf die erste Impressionistin stieß? Gilt Berthe Morisot mit ihren Landsfrauen Eva Gonzalès und Marie Bracquemond, sowie der Amerikanerin Mary Cassatt, bei Kunstexpert:innen denn erst jetzt als beachtliche Künstlerin in dem legendären Männerkreis des 19. Jahrhunderts?

Berte Morisot, um 1872

Wohlhabender Herkunft, erhielt sie Privatunterricht im Malen und Zeichnen, war in den 1860er Jahren eine Schülerin von Camille Corot, ahmte ihn jedoch nicht nach. Vielmehr fand sie in Édouard Manet einen Freund, dessen kreative Sprache sie sofort annahm, ohne die für sie typische lichte Farbpalette und die Betonung des Grafischen aufzugeben. Mit neun Werken nahm sie 1874 als einzige Frau an der ersten Impressionistenausstellung in Paris teil. Im gleichen Jahr heiratete sie Eugène Manet, den Bruder Édouard Manets.

„Sommertag“ (1879)

Wahrscheinlich habe ich mir den impressionistischen Malstil, wie so vieles andere in jungen Jahren, nur oberflächlich angeeignet, zufrieden schon mit dem guten Gefühl beim Anblick der Bilder. Mehr von denen, die sie schufen, wollte ich gar nicht wissen.

Machte ich es mir so leicht, weil ich es selbst nicht schwer im Leben hatte oder aus Sorge, tiefere Einsichten könnten die Unbeschwertheit meiner Jugend auflösen? Vielleicht hängt es auch mit dem Verschwinden von Vater und Mutter noch in meinem ersten Lebensjahr zusammen, dass ich mich scheue, Ereignisse aufzuklären, die den Verlust von Sicherheit bedeuten könnten? Dass ich, wenn ich spüre, das innere Gleichgewicht zu verlieren, große Angst bekomme, es nicht mehr wiederzufinden. Angst vor der Ungewissheit des ‚was dann‘?

„Eugène Manet mit seiner Tochter im Garten“ (1883)

Bin ich jetzt mutiger oder nur unaufgeregter angesichts der verpassten oder vermeintlichen Chancen, mit meinem Leben den ‚Lauf der Dinge‘ auch nur ein ganz klein wenig zu beeinflussen? Aber die ‚Dinge‘ laufen ja gar nicht. Die Menschen laufen oder bewegen sich auf der Stelle oder fallen um. Zwischen ihnen zu lavieren soll mein Leben erfüllen?

„Liegendes Mädchen“ (1893)

Wunderschöne Bilder, beispielsweise die der Malfrau Berthe Morisot, erfüllen mich. Ihr Zutrauen in sie und in sich. Das zu verspüren und zur Sprache bringen, fühlt sich gescheit und wichtig an.

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