gescheit, gescheiter, gescheitert

Wie jedes Schreiben sind auch die Texte in diesem Blog ein Anschreiben gegen Vergänglichkeit. Die unumgänglich ist. Muss ich mich aber in diese Einsicht fügen? Muss ich sie hinnehmen wie einen Leidensweg? Was macht den Unterschied, wenn ich ihn nicht ohne weiteres ablaufen will? Wenn ich ihn nicht hinnehme, mich nicht gehenlasse, sondern selber gehe? Unfreiwillig scheitere. So gescheit wie möglich!

Gescheitert bin ich von Anfang an: in Kinderschuhen, auf Spielplätzen, in Klassenzimmern, in Beziehungen und fortwährend an Möglichkeiten und Erwartungen. Irgendwann fing ich an, mich im Scheitern einzurichten und alle Verantwortung von mir zu weisen. Was geschah, schrieb ich Wahrscheinlichkeiten und Umständen zu. Bis ich im Wort gescheitert das Wort gescheit entdeckte.

Was für ein Desaster! Was für eine Chance!

Das Partizip gescheitert geht auf das althochdeutsche scheiden zurück, das bis heute spalten und trennen bedeutet. Das Substantiv Scheit, im Plural Scheite oder Gescheit, benennt gespaltenes Holz. Das Wort zerscheitern mit der Bedeutung von in Stücke gehen kam im 17. Jahrhundert in die Sprache. Schiffe zerscheiterten, wenn sie an Klippen zerschellten. Hingegen bewahrte das mittelhochdeutsche schīden, bevor es wieder aus dem Sprachgebrauch verschwand, im Wort gescheit die Bedeutung von unterscheiden (können), von deuten und von Entscheidungen treffen auf.

Ideen entstehen für den französischen Philosophen Gilles Deleuze, entstehen an dem Punkt, wo Wissen in Nichtwissen übergeht, dort, wo ich, denkend und handelnd, keine Gewissheit mehr habe. Dann sollte ich, soll aus dem Denken und Handeln etwas Brauchbares werden, zuerst in der Sprache, in den Begriffen, für möglichst viel Gewissheit sorgen. Hast du weder den Begriff noch die Idee, bleibst du dumm und das war’s“, sagt Deleuze.

Dumm ist es, scheitern und gescheit als Antonyme  anzusehen.

Dumm ist es seit Alexander von Humboldt, aus Naturerscheinungen wie Helligkeit und Finsternis, Hitze und Kälte, Kleinem und Großem, Fülle und Leere eine Entweder-Oder-Welt zu konstruieren und in ihr Gut-Böse-, Falsch-Richtig, Stark-Schwach- und Arm-Reich-Gefälle einzurichten. Den wenigsten gelingt es, sich in diesen Hanglagen wohl zu fühlen. Das hat, nebenbei bemerkt, nichts mit persönlichen Neigungen zu tun, sondern mit den hierarchischen Strukturen, die die Entweder-Oder-Welt produziert.

Gescheiter ist es, mein Gehirn mit Begriffen wie Biodiversität, Wechselwirkung, Gleichgewicht‚ Gemeinschaft, Rhizom, ökologischer Fußabdruck, Verantwortung, Vertrauen, Neugier und Kreativität zu strukturieren. Daraus folgende Handlungen und Lebensweisen sind, wenn sie gleich oder irgendwann von anderen gelöscht und überlagert werden, gescheit gescheitert.

Das nimmt viel Druck aus dem Kessel. Ich muss nicht ständig up to date, fit und gesund sein, nicht ständig alles richtig machen, um mich guten Gewissens akzeptieren zu können. Ich muss nicht fortwährend mein Leben rechtfertigen, immerzu Wachstum generieren, Ziele erreichen, Rekorde erbrechen. Ich muss nicht alles tun, was geht und darf auch vieles bleiben lassen.

Gescheit gescheitert fühle ich mich, wenn sich zum Beispiel im 75. Lebensjahr der Anfangsverdacht auf ein Prostata-Karzinom nicht bestätigt, der Heimweg durch eine Frühlingswiese mit Kroküssen führt und ich Zuhause PJ Harvey höre. Großartige Kleinigkeiten.