Hervorgehoben

“Kundgebungen veranstalten und marschieren … das ist genau das Spiel, das ihr mitspielt … nämlich denen ihr Spiel … Es gibt nur eins, was man tun kann … nur eins, was irgendwie gut sein kann … Und das ist, daß jeder sich das anguckt, sich den Krieg anguckt und ihm seinen Arsch hinhält und sagt … Fuck it … Seht ihn euch einfach an und wendet euch ab und sagt … Fuck it …”
Ken Kesey am 16. Oktober 1965 auf dem Campus
der Berkeley Universität Kalifornien zu den Versammelten
einer Kundgebung gegen den Vietnamkrieg

Hervorgehoben

Unseretwegen müssen wir uns um die Erde keine Sorgen machen. Was immer wir tun, sie wird uns auf das ihr zuträgliche Ausmaß begrenzen.

Hervorgehoben

Die Welt kann nie so sein, wie wir sie haben möchten. Das ist nicht erst bei annähernd 8 Milliarden Menschen logisch. Es sei denn, alle anderen ließen sich für unser eigenes Weltbild begeistern. Das wäre dann das gemeinsame Weltbildungsziel!
Hätten wir diese Hybris nicht, könnten die Menschen dennoch versuchen, sich das Leben einzurichten, wie es ihnen gefällt. In der Welt des Geldes folgt daraus die konkrete Frage, zu welchem Preis und auf wessen Kosten. Ahnen wir nicht längst, dass es unbezahlbar ist und die Welt kein Zahlenspiel?

Verantwortung

1

Ist ein Sinn notwendig, um das eigene Leben als erfüllt empfinden zu können? Erst wenn ich mich für vernünftig halte, scheint das so zu sein und demnach eine sehr persönliche Angelegenheit. Sie wird zu einer gemeinsamen, je intensiver wir uns auf unsere Umgebung auswirken. Dann sind wir deutlich messbar und spürbar auf sie angewiesen. Auf uns.

Das althochdeutsche ‚antwurti‘ war erst eine verbale Reaktion auf eine verbal gestellte Frage. Mit der Vorsilbe ‚ver‘ bekam es eine eigene ethymologische Geschichte. So meint das mittelhochdeutsche ‚verantwürten‘ zunächst die Rechtfertigung vor einer Gerichtsbarkeit. Im 12. Jahrhundert wird daraus ganz allgemein ein Einstehen für etwas.

In der Antike ging ‚Verantwortung‘ in die Begriffe ‚Schuld‘ und ‚Zurechnung‘ ein. Mit der Verweltlichung des Lebens löste sich mehr und mehr von der göttlichen als der höchsten Verantwortungsinstanz ab. Eine erste Monographie zur ‚Verantwortung‘ verfasste 1884 der französische Philosoph und Ethnologe Lucien Lévy-Bruhl mit seiner Dissertationsschrift L’idée de responsabilité. Eingang in die philosophisch-moralische Diskussion fand sie im 20. Jahrhundert und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Schlüsselbegriff in der Ethik.

2

Verantwortet kann nur werden, was nicht unabwendbar ist. Verantwortlich kann nur sein, wer vor dem zu verantwortenden Geschehen schon Verantwortung trägt. Insofern sind Zukunft und Vergangenheit zwei Seiten der Frage nach dem richtigen Handeln. Verantwortung wird zum tragenden Netzwerk menschlicher Lebenspraxis.

Die Redewendung „organisierte Verantwortungslosigkeit“ las ich das erste Mal im Buch Die Alternative des DDR-Philosophen Rudolf Bahro. 1977 erschien seine vor allem ökonomische Kritik des DDR-Sozialismus. Mit ihr avancierte der 1935 in Schlesien Gebürtige und in den 1950er Jahren an der Ost-Berliner Humboldt-Universität Diplomierte zum Stardissidenten der DDR.

Das Buch war ein schwerwiegender Angriff auf das politische System. Die Redewendung war für die Staatsmacht eine maximale Provokation. Der Autor wurde stante pede verhaftet und Ende Juni 1978 unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen „landesverräterischer Sammlung von Nachrichten“ und „Geheimnisverrat“ zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. In der Rückschau bringt das Buch auf den Punkt, woran ein dutzend Jahre später der DDR-Staat implodierte.

Heute sieht es so aus, als hätten wir andere Sorgen, doch der Schein trügt. Tatsächlich manövrieren wir uns, wenn wir Verantwortung für unsere Überzahl, für Wachstumsökonomie, Klimawandel, Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung, Artenverlust, Kriege und Pandemien zurückweisen, bloß um sie anderen unserer Art in die Schuhe zu schieben, immer tiefer in eine evolutionäre Sackgasse hinein.

Anstatt eine globale Lebensgemeinschaft zu entwickeln, verwerten wir den Planeten. Von Anbeginn, so zeigen es uns Archäologie und neuerdings die Archäogenetik, treffen wir Entscheidungen fast ausschließlich im eigenen Interesse. Solange das Leben ein Überlebenskampf in einer bedrohlichen Umgebung war, ist es plausibel, dass Naheliegendes uns mehr betrifft, als jedes noch so krasse Ereignis außerhalb unserer unmittelbaren Wahrnehmung. Unser Wissen, dass sich das in einer wachsenden, komfortabel abgesicherten Überzahl anders darstellt, dass es heute nicht nur unvernünftig ist, sondern immer lebensgefährlicher wird, hat unser Handeln bisher kaum erreicht.

Das wird erst der Fall sein, wenn unsere Verantwortung für ein Ereignis nicht mehr reziprok zu seinem Abstand von uns abnimmt, solange es sich auf der Erde ereignet, unserem einzigen verfügbaren Lebensraum. Das zu lernen, ist mindestens so wichtig, wie der Umgang mit unseren Möglichkeiten. Auch ihnen gegenüber verhalten wir uns schon Jahrzehntausende lang wie beim kindlichen Versteckspiel. Wir sind zufrieden, sie zu finden. Entscheidend für die nächste Zukunft ist, wie wir mit ihnen umgehen.

3

Wären wir restlos in Naturzusammenhänge eingewoben, wären wir für nichts und niemanden verantwortlich. Aber mit dem Wunder ‚Sprache‘, von der wir uns so gern und so häufig betören lassen wie von Spiegelblicken, fühlen wir uns edel, herrlich und auserwählt, über anderes (Lebendige) zu verfügen und die Welt nach Gutdünken zu sortieren und zu regulieren. So gut gefällt uns diese Perspektive, dass wir sie nicht und auf gar keinen Fall freiwillig verlassen wollen. Lieber entdecken wir Unvollkommenes, Minderwertiges und Feindliches und attackieren es erbarmungslos.

Dass das nicht sehr aussichtsreich ist, ignorieren wir gern. Hat die Natur diese Hybris in unsere Gene gebracht? Ein überirdisches Wesen? Ein kosmisches Prinzip? Anstatt in der Vielfalt Zusammenhänge zu entdecken und ihnen auf den Grund zu gehen, ersticken wir sie in Notlagen, die wir – system@isch – erzeugen und hilflos oder unverschämt in Begriffen wie ‚Schicksal‘, ‚Zufall‘ und ‚Bestimmung‘ verstecken. Vor wem?

SZB ist das fatale Dreigestirn, in dem wir uns einrichten und willig jedem folgen, der uns trotz alledem Bequemlichkeit verspricht. So leben wir seit der Steinzeit, inzwischen auf Weltniveau: zusammen aber nicht miteinander. So verheddern wir uns zuverlässig in kühnen Visionen, phantastischen Ideen und großartigen Erfindungen und richten sie zielsicher gegen uns.

Wir sind überfordert. Mit uns. Während wir unsere Biomasse und was ihr in die Quere kommt, in Sondermüll verwandeln, um ihn wie ein Leichentuch über die Erde zu breiten, verwandeln wir das Verantwortungswort in einen Gattungsfluch. Kann sein, er ließe sich mit diesem oder jenem Tun noch bannen, aber so vieles fühlt sich an, als sei nichts mehr zu machen.

Zeitenwende und Diskurse

„Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents.“ Mit diesem Satz eröffnete der Bundeskanzler drei Tage nach dem Einmarsch russischen Militärs in die Ukraine, erregt und entsetzt, weil das bis dahin jenseits seiner Vorstellung lag, eine Regierungserklärung im Deutschen Bundestag. Weiterlesen

Rassismus und Klassismus

Ist es abhandenes Gewissen oder mindestens ein schlechtes, dass wir uns, vermeintlich arglos und in bester Absicht, mit traumwandlerischer Sicherheit immer wieder in Strukturen einbinden (lassen), die die Welt penetrant in oben-unten (religiös), rechts-links (politisch), gut-böse (moralisch), arm-reich (sozial) und klug-dumm (intellektuell) einteilen? Weiterlesen

Kein Ruf nach …

… Thomas Rosenlöcher, einem sehr guten Dichter, der mein Freund hätte werden können, hätte ich mir etwas mehr Mühe gegeben. Heute ist nur noch Zeit für ein fiktives Zwiegespräch, denn gestern bist du in Kreischa, nahe an deiner Heimatstadt Dresden, „nach schwerer Krankheit“, wie Hörfunk und  Presse vermelden, gestorben. Weiterlesen